Geschichte der Peritonealdialyse
Peritonealdialyse - von den Anfängen bis zur Gegenwart
Wenn der menschliche Körper Symptome von Urämie (Harnvergiftung) zeigt, ist dies Zeichen einer Unterfunktion oder gar eines Ausfalls der lebenswichtigen Nieren. Die griechische Herkunft des Wortes Urämie zeugt davon, dass die Kenntnis um dieses Krankheitsbild wesentlich älter ist als die Möglichkeit, Menschen in dieser lebensbedrohlichen Situation wirksam zu behandeln. Erst in den letzten hundert Jahren hat die medizinische Grundlagenforschung den Weg bereitet, um den Ausfall der Nierenfunktion wirksam zu kompensieren – mit der Dialyse.
Es gibt im Wesentlichen zwei Formen der Dialyse: die Hämodialyse, die heute für rund 90% aller Dialysepatienten die Therapie der Wahl ist, und die Bauchfelldialyse (Peritonealdialyse) als zweite Behandlungsvariante. Im Vorjahr haben wir an gleicher Stelle über die Geschichte der Hämodialyse berichtet – ein Verfahren, bei dem das Blut nierenkranker Patienten extrakorporal, also außerhalb des Körpers, von urämischen Substanzen gereinigt wird.
Diese Beilage der DIALYSE KOMPAKT widmet sich der Peritonealdialyse. Bei dieser Heimdialysetherapie dient das Peritoneum (Bauchfell), das die Innenwand der Bauchhöhle auskleidet und die inneren Organe bedeckt, als Dialysemembran.
Die ersten wichtigsten Fortschritte bei dieser Behandlungsmethode wurden in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erzielt. Erst eine Vielzahl von weiteren Erfindungen in den folgenden Jahrzehnten ermöglichte jedoch eine breitere Anwendung der Peritonealdialyse auch für chronisch nierenkranke Patienten. Dieser Fortschritt ist all jenen beharrlichen Medizinern und Naturwissenschaftlern zu verdanken, die mit ihrer Arbeit und ihren Entdeckungen den Weg zu immer besseren Therapiemöglichkeiten geebnet haben.
Auf den folgenden Seiten geben wir Ihnen einen Einblick in die faszinierende Geschichte der Bauchfelldialyse und die Erfindungen, die heute helfen, das Leben und die Lebensqualität von mehr als 160.000 Peritonealdialyse-Patienten in aller Welt zu sichern.
Grundlagen der Peritonealdialyse

Neben den Stoffwechselprodukten muss auch überschüssiges Wasser aus dem Körper des Nierenkranken entfernt werden. Hierzu wird der Dialyselösung Zucker zugesetzt. Die Konzentration des Zuckers in der Dialyselösung ist zunächst deutlich höher als im Blut. Daher gibt es nur einen Weg, die Konzentration auszugleichen: In die „hochprozentige“ Zuckerlösung fließt Wasser aus dem Blut durch die Membran in die Bauchhöhle. Dieser Vorgang wird als Osmose bezeichnet.
Die ersten Schritte zur Peritonealdialyse
Der Begriff
Der Begriff Peritoneum leitet sich aus dem griechischen Wort peritonaion ab und bedeutet „sich ausdehnen“. Vermutlich waren es die Grabbestatter im alten Ägypten, die einen ersten Blick auf das Peritoneum werfen konnten, während sie die Organe einflussreicher Ägypter präparierten. Der berühmte griechische Arzt Galen und andere Gelehrte der Antike untersuchten die offenen Bauch-höhlen verletzter Gladiatoren. Frühe Anatomen und Chirurgen beschrieben die Größe und Merkmale der Peritonealmembran, erkundeten aber noch nicht ihre Feinstrukturen oder Funktionen. Diese Untersuchungen erfolgten erst wesentlich später durch Friedrich Daniel von Recklinghausen, der 1862 erst-mals die zellulären Bestandteile des Peritoneums wissenschaftlich beschrieb.

Stoffaustauschprozesse
Der Deutsche G. Wegner führte 1877 erste Tierversuche durch, bei denen er Stoffaustauschprozesse beobachtete, die über das Peritoneum stattfinden. Beispielsweise verabreichte er Kaninchen Lösungen mit unterschiedlichen Temperaturen und Inhaltsstoffen und entdeckte dabei, dass eine konzentrierte Zuckerlösung zu einer Zunahme des Flüssigkeitsvolumens im Bauchraum führt. Damit entdeckte Wegner die Grundlage des Flüssigkeitsentzugs über das Bauchfell – der peritonealen Ultrafiltration. Die Engländer Ernest Henry Starling und Alfred Herbert Tubby erkannten 1894, dass dieser Effekt des Flüssigkeits-entzugs über das Peritoneum auf die Blutgefäße im Bauchfell zurückzuführen ist.


Erste Behandlungen am Menschen
Den Grundstein für die Peritonealdialyse am Menschen legten Stephen Hales und Christopher Warrick, ein Chirurg aus England, im Jahre 1744: Beim Versuch, die Bauchwassersucht einer 50-jährigen Patientin zu behandeln, wurde nach Ablassen des angestauten Bauchwassers eine Hälfte Wasser und eine Hälfte Wein mit Hilfe eines Lederrohrs in ihre Bauchhöhle eingelassen (infundiert). Die erste peritoneale Dialyse bei Urämikern führte jedoch erst viele Jahre später Georg Ganter an der Universität in Würzburg durch. Nach vorangegangenen Tierversuchen infundierte er 1923 einer Frau, die an einem Harnleiterverschluss litt, anderthalb Liter einer physiologischen Salzlösung – also dem natürlichen Salzgehalt des menschlichen Blutes entsprechend – in die Bauchhöhle. Obwohl die Behandlung eine vorübergehende Besserung der Symptome bewirkte, verstarb die Patientin kurz darauf.
In den Jahren 1924 bis 1938 wurden in Deutschland und den USA von verschiedenen Ärzteteams die ersten regelmäßig wiederkehrenden – so genannten intermittierenden – Peritonealdialysen durchgeführt und damit der Beweis erbracht, dass mit der Peritonealdialyse eine kurzfristige Überbrückung von Nierenfunktionsstörungen möglich ist.
In den Folgejahren konnte durch die gezielte Wahl verschiedener Materialien, wie Porzellan, Metall, Latex und Glas, und dank deren Sterilisierbarkeit auch erstmals die Hygiene während der Peritonealdialyse relativ gut beherrscht werden. Trotzdem kam es zu keiner breiteren Anwendung dieses Verfahrens, was vor allem auch auf das Fehlen eines sicheren Zugangs zur Bauchhöhle der Patienten zurückzuführen war.
Peritonealdialyse-Katheter
Vor dem Hintergrund des Koreakrieges entwickelte der US-Amerikaner Paul Doolan 1959 einen Katheter, der für den Langzeitgebrauch vorgesehen war. Er bestand aus Polyäthylen und hatte eine besondere Lochgeometrie, die einen Verschluss der Löcher verhindern und die Flussraten maximieren sollte. Richard Ruben aus den USA führte mit diesem Doolan-Katheter die erste Peritonealdialyse an einer Patientin über einen Zeitraum von sieben Monaten durch. Dabei nutzte er einen Verweilkatheter, der in der Bauchhöhle der Patientin belassen werden konnte. Dies zeigt, dass die Forscher nicht nur akut erkrankte Patienten behandeln wollten, sondern mit ihren Ideen auch auf die Dialyse chronisch nierenkranker Patienten zielten.
1968 entwickelte Henry Tenckhoff aus den USA den nach ihm benannten Katheter. Der damals noch weit verbreitete Stilettkatheter
erlaubte bereits eine breite Anwendung der Peritonealdialyse bei chronischem Nierenversagen. Allerdings musste mittels der „repeated puncture technique“ für jede individuelle Dialysebehandlung ein neuer Katheter in den Bauchraum gelegt werden. Dieser Umstand machte nicht nur die Patienten, sondern auch das behandelnde Personal zu Leidtragenden dieses zeitaufwendigen Verfahrens. So gehörte Tenckhoff selbst zu denjenigen, denen die undankbare Aufgabe zufiel, den Patienten den Katheter am Wochenende legen zu müssen. Mit dem von ihm entwickelten neuen Katheter bereitete er sich nicht nur ein ruhigeres Wochenende, er hatte auch einen Dauerkatheter entwickelt, der heute noch verwendet wird und bahnbrechend für eine breite Anwendung der Peritonealdialyse war. Der Tenckhoff-Katheter besteht aus Silikonkautschuk und besitzt ein bzw. zwei Manschetten, mit deren Hilfe der Katheter sowohl in das Peritoneum als auch in tiefere Schichten des Bindegewebes einwächst.
Beutel- und Schlauchsysteme

Einen weiteren wertvollen Beitrag zur Peritonitisprophylaxe haben verschiedene italienische Arbeitsgruppen – allen voran Umberto Buoncristiani aus Perugia – mit der Entwicklung des Y-Systems geleistet. Elemente dieses Systems sind ein Leerbeutel und das Schlauchsystem, dessen Y-förmige Verlaufsform eine bestimmte Flussrichtung der Dialyselösung ermöglicht. Zusätzlich wird noch ein mit PD-Lösung gefüllter Beutel an dieses System angeschlossen. Dabei erfolgt zunächst der Dialysatauslauf in den Leerbeutel, so dass eventuelle Keime an der Konnektionsstelle des Katheters in den Leerbeutel gespült werden. Danach wird ein „Flush“ durchgeführt, das heißt, circa drei Sekunden lang fließt frische Dialyselösung durch das Schlauchsystem in den jetzt bereits gefüllten Leerbeutel. Der Zugang zur Bauchhöhle ist während dieser Spülzeit verschlossen. Erst nach diesen beiden Spülvorgängen wird der Einlauf durchgeführt („flushbefore-fill“-Prinzip). Die Fließrichtung der Dialyselösung (Auslauf, Spülung, Einlauf) wird – je nach System – mit Klemmen oder Drehscheiben geregelt. Der Einsatz dieser Technologie hat wesentlichen Anteil daran, dass die Peritonitisraten weiter gesenkt werden konnten. Ein weiterer Vorteil: Die Patienten müssen keinen Beutel am Körper tragen.




Das Zeitalter der kontinuierlichen ambulanten Peritonealdialyse (CAPD)

Das automatisierte Peritonealdialyse (APD)

Es war erneut Tenckhoff, der die automatisierte Peritonealdialyse weiter vereinfachte. Um das schwierige Hantieren mit den 40-Liter-Flaschen zu vermeiden, veranlasste er die Installation von Wasseraufbereitungsanlagen im Hause der Patienten, durch die steriles Wasser vor Ort bereitgestellt werden konnte. Anschließend wurde dem aufbereiteten Wasser ein Konzentrat zugesetzt, um die Dialyselösung herzustellen.

Von 1961 bis 1970 führte Norman Lasker aus den USA die Entwicklungen von Boen, Tenckhoff und Russel Palmer in einer Technologie zusammen. Für „seinen“ Cycler verwendete er Zwei-Liter-Flaschen mit PD-Lösung, die mit Schwerkraft verabreicht wurde. Die Lösung wurde vorher erwärmt. Im Jahr 1970 gingen die ersten Patienten mit diesem Cycler in die Heimdialyse.

Neue, biokompatible Peritonealdialyselösungen
1938 führte schließlich Jonathan Rhoads Laktat zur Korrektur der metabolischen Azidose, eine stoffwechselbedingte Übersäuerung des Blutes, ein. Diese entwickelt sich bei fehlender Ausscheidung saurer Stoffwechsel-produkte durch die Nieren. Mehr als 60 Jahre später wird Laktat noch immer am häufigsten verwendet, jedoch gibt es heute PD-Lösungen, die alternativ reines Bikarbonat oder eine Mischung beider Substanzen, d.h. Laktat und Bikarbonat, zur Korrektur des Säure-Basen-Haushalts enthalten. Als Glukoseersatz können der Dialyselösung auch Aminosäuren und Glukose-Polymere zugesetzt werden.
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Herkömmliche PD-Lösungen haben einen unphysiologisch niedrigen – dem Bauchfell unangemessenen – pH-Wert und eine hohe Konzentration an Glukoseabbauprodukten, die beide in hohem Maße zur Bioinkompatibilität der Lösungen beitragen. PD-Lösungen werden inzwischen in Mehrkammer-systemen angeboten, die einen neutralen bis physiologischen pH-Wert und einen deutlich geringeren Gehalt an Glukoseabbauprodukten aufweisen.
Die Einführung dieser neuen Generation von PD-Lösungen ist ein vielversprechender Ansatz in der Entwicklung verbesserter, biokompatibler Lösungen. Die Ergebnisse bislang vorliegender Studien stimmen zuversichtlich, dass mit neuen PD-Lösungen die Membranfunktion des Bauchfells länger aufrechterhalten werden kann. Kürzlich konnte sogar in einer klinischen Studie gezeigt werden, dass eine neue, biokompatiblere PD-Lösung zu einem höheren Patientenüberleben führte.
Die historische Rückschau auf die Peritonealdialyse illustriert das faszinierende Zusammenwirken von Ideenreichtum, Genialität und Entschlossenheit vieler Pioniere und engagierter Wissenschaftler. Der Erfolg ihrer Arbeit spiegelt sich in der modernen Peritonealdialyse wider. Sie ist heute ohne Zweifel eine feste Größe in der Nierenersatztherapie.



